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Theater + Text

Schlaglicht Text

In der Rubrik SCHLAGLICHT TEXT stellen wir Programme, Initiativen und Festivals vor, die sich mit deutschsprachiger Gegenwartsdramatik beschäftigen, und werfen einen Blick auf die Texte, die in ihnen entwickelt oder präsentiert werden.

Schlaglicht Text #1

„Vom Blatt zur Bühne“ - Eine Lesereihe am Rheinischen Landestheater Neuss  

Bettina Erasmy: Der ideale Staat in mir / Olivier Garofalo: Am Ende des Tages / Sergej Gössner: Rotkäppchen und Herr Wolff / Rebekka Kricheldorf: Homo Empathicus

Besonders während der Pandemie sind digitale Formate entstanden, die den Theatertext selbst ins Zentrum rücken: unter anderem die Reihe „Vom Blatt zur Bühne“ am Rheinischen Landestheater Neuss, eine „ergänzende Plattform für Gegenwartsdramatik“, so das Theater.

Das Rheinische Landestheater Neuss unter Intendantin Caroline Stolze und Chefdramaturgin Eva Veiders zeigt immer wieder Produktionen von Gegenwartstexten und leistet sich – im Gegensatz zu vielen deutlich größeren Häusern – mit Olivier Garofalo sogar einen Hausautor, der Teil der Dramaturgie ist.

Das Motto der aktuellen Spielzeit lautet: „Wie schwer ist Empathie?“

Den Impuls für „Vom Blatt zur Bühne“ begründet das Theater auf seiner Homepage wie folgt:

„Spätestens mit Lessing begann die Professionalisierung des Schreibens und das Berufsbild des Dramatikers, beziehungsweise der Dramatikerin, entstand. Lessing, Goethe, Schiller, Brecht, Dürrenmatt - ihnen ist es geglückt, mit ihren Texten nicht nur in die Bücherregale der Menschen, sondern auch in den sogenannten »Kanon« zu gelangen. Soweit, so gut. Aber wie verhält es sich mit der Gegenwartsdramatik, mit Texten, die aktuell entstehen und möglicherweise spannende heutige Erzählformen bedienen und/oder uns mehr meinen, weil sie ganz konkret zu unserer Zeit etwas zu sagen haben? Nur wenige kennen Theaterautor*innen der Gegenwart. Das wollen wir ändern!“

In komprimierten, szenischen Lesungen wird durch Mitglieder des Neusser Ensembles pro Folge jeweils ein Text oder aktuelles Projekt eines oder einer lebenden Theaterautor:in vorgestellt.

Das Publikum kann die Lesung nach Voranmeldung über Zoom verfolgen; im Anschluss an die Lesung gibt es die Möglichkeit, sich über den Text auszutauschen und mit dem/der Autor:in und dem Team ins Gespräch zu kommen.

Mit „Am Ende des Tages“ (Olivier Garofalo), „Rotkäppchen und Herr Wolff“ (Sergej Gößner), „Der ideale Staat in mir“ (Bettina Erasmy) und „Homo Empathicus“ (Rebekka Kricheldorf) wurden bisher vier höchst unterschiedliche Texte vorgestellt.

Garofalo untersucht, wie politische Bewegungen im digitalen Zeitalter ein Eigenleben entwickeln können; Gößner erzählt für ein junges Publikum das Märchen vom Rotkäppchen mit viel Empathie für den bösen Wolf neu; Erasmy hinterfragt Entstehung und Funktionsweisen heutiger Machtstrukturen und ihre digitale Aufbereitung; Kricheldorf entwickelt ein gesellschaftskritisches Panorama für ein wirklich großes Ensemble, was – obwohl von verschiedener Stelle immer wieder eingefordert – in der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik leider eher eine Ausnahmeerscheinung ist.

Aktuell sind keine neuen Folgen von „Vom Blatt zur Bühne“ angekündigt.

Die Texte

#1: Olivier Garofalo: Am Ende des Tages

(Felix Bloch Erben)

UA: geplant für März 2022, Rheinisches Landestheater Neuss

Besetzung: 3 D, 1 H, Chor

 

Am Ende des Tages

„Sie wollte Gutes tun und hat Böses geschaffen: Die junge Aktivistin Andrea Julius erlangte mit ihren Protestaktionen überregionale Bekanntheit. Doch anstatt einen friedlichen Wandel anzustoßen, hat sie unbeabsichtigt einen wütenden Mob heraufbeschworen. Lautstark und gewaltbereit fordern aufgebrachte Bürger:innen nun die Schließung nationaler Grenzen zum Schutz des eigenen »Volkskörpers«. Dabei beziehen sie sich auf Andrea als Vorbild. Ein Missverständnis? In einer Talkshow will sie sich erklären. Allerdings verfolgt die intrigante Fernsehmoderatorin Lilith Rosen eigene Pläne: Neben Andrea hat sie noch Bürgermeisterin Susanne Müller und den jüngst in einen Skandal verwickelten Schlachthofbesitzer Norbert Leuchten auf ein altes Landgut eingeladen, um eine große Enthüllungsshow vor laufender Kamera zu inszenieren. Seltsam nur, dass es außer den vier Anwesenden kein Fernsehteam gibt. Kann Andrea sich dennoch erklären und die Aufmärsche, die in ihrem Namen stattfinden, stoppen?“ (Quelle: Rheinisches Landestheater Neuss)

Olivier Garofalo, in Luxemburg geboren, ist Autor und Dramaturg und derzeit Hausautor am Rheinischen Landestheater Neuss. Sein mehrfach nachgespieltes Stück „Der Marlboro-Mann“ wurde bereits ins Polnische übersetzt.

 

#2: Sergej Gößner: Rotkäppchen und Herr Wolff

(Felix Bloch Erben)

UA: Oktober 2021, Rheinisches Landestheater Neuss

Besetzung: 3 D, 2 H

 

Rotkäppchen und Herr Wolff

„Die Dorfgemeinschaft ist in Aufruhr: Ein Wolf wurde gesichtet und allen voran der Jäger plädiert dafür, mit dem Untier kurzen Prozess zu machen. Nur das Rotkäppchen stellt Fragen und würde lieber erstmal mit ihm reden. Auf seinem Weg durch den dunklen Wald lernt es den zwar etwas seltsamen, aber durchaus charmanten Herrn Wolff kennen. Gemeinsam machen sie sich auf zur Großmutter und bestehen verschiedene Abenteuer, damit Herr Wolff seine wichtige Aufgabe erledigen kann: Den alten Mond zu schütteln, auf dass er wie neu am Himmel leuchte.
Sergej Gößners Überschreibung des weltbekannten Stoffes hebelt Vorurteile über »das Fremde« aus und stellt humorvoll alte Klischees auf den Kopf.“ (Quelle: Rheinisches Landestheater Neuss)

Sergej Gößner, ist Schauspieler und Theaterautor. Sein Stück „Mongos“ wurde 2018 mit dem JugendStückePreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet.

 

#3: Bettina Erasmy: Der ideale Staat in mir

Suhrkamp Theater Verlag

UA: September 2019, Landestheater Bregenz (Österreich)

Besetzung: variabel

 

Der ideale Staat in mir

„Ein Influencer schwingt sich zum „Führer“ der Gesellschaft auf – in einer Welt, die offenbar zerstört oder doch zumindest nahe dem totalen Zerfall ist. Der Influencer fantasiert von einer „allgemein akzeptierten Wohlfühlordnung“ und meint, dazu berufen zu sein, was „Starkes, Strahlendes“ aufzubauen. Seine aus alten Denkweisen und neuen Vereinfachungen zusammengeschusterte Ideologie verherrlicht ein gefährliches Schwarz-Weiß-Denken. Und er hat Erfolg. Zwar agiert der Influencer aus der totalen Isolation heraus, er spielt aber gekonnt auf der Klaviatur politischer Meinungsmache: Seine Mittel sind die Social-Media-Kanäle, das allumfassende Internet. In kürzester Zeit hat er Millionen Follower: eine politisierte anonyme Masse, die in ihm einen Erlöser von der allgegenwärtigen Bedrohung sieht. Scheinbar nach Belieben kann er gewaltsame Aufstände und Umstürze auslösen. Doch irgendwann kippt es. (...)“ (Quelle: Theater Lüneburg)

Bettina Erasmy schreibt Prosa, Lyrik, Hörspiele und Dramatik. Für ihr Stück „Chapters“ erhielt sie bei den ARD Hörspieltagen 2014 den ARD Online Award.

 

#4: Rebekka Kricheldorf: Homo Empathicus

Kiepenheuer Bühnenvertrieb

UA: Oktober 2014, Deutsches Theater Göttingen

Besetzung: 26 Darsteller:innen

Eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen 2015. Liegt in englischer und türkischer Übersetzung vor.

 

Homo Empathicus

„Man stelle sich vor: Eine Gesellschaft, in der alle Forderungen nach Gleichbehandlung durchgesetzt, alle ausbeuterischen Abhängigkeitsverhältnisse abgeschafft, alle Reparationswünsche sämtlicher Opfergruppen anerkannt und die Sprache von allen herabsetzenden Rückständen bereinigt wurde. (...) Ein Paradies der psychischen Gesundheit, eine Oase der gegenseitigen Wertschätzung. (...) Hier leidet der Mensch nicht, sondern spürt maximal eine kleine innere Unausgeglichenheit, die er sich von kundigen Ärzten wegsprechen lassen kann. Hier sind Kunst und Musik ein Lobgesang der Lebensbejahung. Hier widerlegt die Wissenschaft das Menschenbild des egoistischen, triebgesteuerten Einzelkämpfers zugunsten der Idee eines sozialen Wesens, das qua Veranlagung kooperativ, sozial und gerecht ist und von Empathie gelenkt wird. Denn es könnte ja möglich sein, dass alle anderen Charakterzüge, die wir als primäre Triebe angesehen haben – Aggressivität, Gewalttätigkeit, Egoismus und Habgier – sekundäre Triebe sind, die ihren Ursprung in der Unterdrückung unseres elementarsten Wesenszuges haben…“ (Quelle: Deutsches Theater Göttingen)

Rebekka Kricheldorf studierte Szenisches Schreiben an der UdK in Berlin. Ihre Stücke wurden bereits mehrfach zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen, zuletzt 2021 ihr Stück „Der goldene Schwanz“.

© Rheinisches Landestheater/Maximilian Schubert

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