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Theater + Text

Schlaglicht Spielplan

In der Rubrik SCHLAGLICHT SPIELPLAN untersuchen wir in regelmäßigen Abständen die Spielpläne deutschsprachiger Theater unterschiedlicher Größe und Ausrichtung und unternehmen den Versuch, aktuelle Trends und thematische Schwerpunkte zu bestimmen.

Spielplangestaltung in Zeiten der Pandemie

Ein Gespräch mit Eva Lange / Carola Unser (Hessisches Landestheater Marburg), Matthias Schulze-Kraft (Lichthof Theater Hamburg) und Harald Wolff (Münchner Kammerspiele, Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft)

THEATERÜBERSETZEN.DE: Unsere Rubrik SCHLAGLICHT SPIELPLAN soll eigentlich einen Einblick in die Trends der aktuellen Spielpläne geben. Aufgrund der Pandemie ist die Situation aber immer noch eine besondere. Viele Theater veröffentlichen kaum langfristige Spielpläne. Daher wollen wir die Rubrik mit der Frage eröffnen: Was bedeutet es im Moment, einen Spielplan zu gestalten? Planerisch ist es auf jeden Fall eine große Herausforderung. Aber was genau bedeutet es für die Inhalte der wieder aufgenommenen und neu angesetzten Produktionen?

EVA LANGE: Wir haben in Marburg gerade Endproben von „Biedermann und die Brandstifter“. Das ist der dritte Probenprozess. Es gab noch keine Premiere, nur eine „GP mit Sternchen“. Also, eine Art Premiere ohne Publikum. Aktuell probt die Regisseurin nun mit einer teilweise neuen Besetzung, denn der ganze Prozess hat so lange gedauert, dass manche Menschen schon gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Pandemie führt also dazu, dass man den gleichen Text mit unterschiedlichen Spieler:innen untersucht, was durchaus interessant sein kann. Die, die noch dabei sind, schauen mit einem anderen Probenstand auf den Text. Und daraus entsteht wieder etwas Neues.

CAROLA UNSER: Wir sind ja ein Landestheater, das heißt, wir haben vertraglich die Verpflichtung, Klassiker, zeitgenössische Dramatik und Schulstoffe zu behandeln. Und wir haben ein Gastspielgeschäft. Da müssen wir schon auch nach Titeln gucken. Die Planung ist sehr langfristig. Zum Teil zeigen wir jetzt Stücke, die wir lange vor der Pandemie vereinbart haben.

Ich habe den Eindruck, als gäbe es im Moment eine gewisse Sehnsucht nach Leichtigkeit – ich will jetzt nicht sagen, nach etwas Lustigem, aber irgendwie nach etwas, das Hoffnung spendet. Wo ich noch vor vier Jahren unbedingt dafür plädiert hätte, Finger in Wunden zu legen – und das muss man wahrscheinlich auch weiter tun – , gibt es jetzt eine neue Sehnsucht nach Versöhnlichem. Nach Stoffen, die Brücken bauen, die das Gemeinsame betonen und nicht das Trennende. Das würde ich inhaltlich schon als Veränderung beschreiben wollen.

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Diese Erfahrung, dass einzelne Projekte mehrfache Probenprozesse hatten, haben wir auch gemacht.

Die thematischen Vorlaufzeiten im freien Theater sind ja meist auch recht lang. Mein Einfluss auf eine Art Spielplangestaltung ist denkbar gering. Ich kann nur einen Rahmen setzen und bestimmte Leute heranziehen. Aber letztlich sind es immer Jurys, die unseren Spielplan gestalten, indem sie Geld geben oder nicht. Von daher hat gar nicht so sehr eine inhaltliche Veränderung stattgefunden, sondern eher eine formale.

Im ersten Lockdown haben wir uns sehr schnell mit Streaming-Technik ausgestattet und haben sofort das Angebot an alle formuliert: „Ihr könnt eure Sachen in einer relativ guten Qualität im dafür geschaffenen Lichthof Lab umsetzen“. Es war uns einfach wichtig, Arbeitsgelegenheiten zu schaffen für Künstler:innen, die ja wortwörtlich im Freien standen. Da haben wir nicht lange darüber nachgedacht, was es inhaltlich bedeutet. Wir wollten eine Möglichkeit schaffen, dass die Leute ihre Projekte realisieren können. Und dabei sind wirklich interessante Projekte herausgekommen, die teilweise eben auch einer ganz neuen Dramaturgie folgen. Wie ein eigenes Genre.

HARALD WOLFF: Zu Beginn des Lockdowns haben wir an den Kammerspielen eine klare Entscheidung getroffen, nämlich, dass wir an Verträgen festhalten. Die freien Künstler:innen sind ja von diesen Geldern abhängig. Und es gab eine, wie ich finde, gewaltige Solidarität der festangestellten Theaterschaffenden mit den Freien, sie haben in wenigen Wochen über 200.000 Euro für die von Lisa Jopt initiierte Corona-Miete-Aktion gespendet haben. So einen Schulterschluss zwischen Stadttheater und Freier Szene hat es noch nie gegeben.

Was die Theater insgesamt betrifft: Ich glaube, es ist kein Zufall, dass gerade in dieser Zeit so viele Grundsatzdiskussionen, die dringend geführt werden müssen, in dieser Vehemenz hochgepoppt sind. Diese Diskussionen wären auch ohne Pandemie gekommen, aber vielleicht nicht so massiv, nicht so schnell, nicht so radikal, nicht an so vielen Stellen gleichzeitig.

Was mich frustriert: Die Inhalte haben sich vielerorts viel zu wenig verändert. Einfach weitermachen wie bisher ist ja keine Reaktion. Und auch die Formen: Es gibt ein gewaltiges, ein ganzes Universum an Tools, mit dem man Dinge machen kann, die gar nichts mehr mit einer klassischen Bühne zu tun haben müssen. Und da fängt es erst an, interessant zu werden. Da hätten wir als Theaterschaffende noch innovativer sein können. Auch strukturell. Digital zu produzieren ist ja entgegen der allgemeinen Vorstellung sehr, sehr günstig. Denn wenn es einmal da ist, kann es ja überall gezeigt werden. Wenn also nicht jeder immer Exklusivität beanspruchen würde, könnte man über Koproduktionen mit relativ wenig Geld sehr schnell einen ganzen digitalen Spielplan zusammenstellen.

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Ich glaube, die Chancen haben wir gar nicht so sehr verpasst. Das Bewusstsein für die Möglichkeiten des Digitalen ist enorm gewachsen. Das, was wir da gelernt haben, ist nicht verloren. Im Moment fehlt uns vielleicht die Zeit, das weiter auszubauen. Ich bin aber überzeugt, das ist nicht weg.

HARALD WOLFF: Es wird ganz viel bleiben, aber es wäre auch noch viel mehr Aufregendes möglich. Und es gehen auch schon wieder Formate verloren, werden nicht weiter verfolgt, sobald die Bühnen wieder auf sind. Obwohl die digitalen Medien auch Chancen für ein ganz anderes Publikum bieten. Was wir alle, vielleicht bis auf die Schaubühne und das Berliner Ensemble, viel zu wenig gemacht haben, ist zu begreifen, dass die Streams weltweit sichtbar sind. Wenn man da mit Untertiteln arbeitet, kann man in die entsprechenden Sprachräume reingehen. Und so etwas könnte man auch fest verankern in der Planung. Ich nehme aber nicht wahr, dass das auf breiter Basis passieren würde.

Gibt es auch inhaltliche No-Gos? Ist mal ein künstlerisches Team oder ein:e Künstler:in auf euch zugekommen und hat gesagt: Das, was geplant war, geht jetzt so einfach gar nicht mehr?

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Bei uns nicht. Ich finde sogar, dass sich die Künstler:innen viel zu wenig den Themen der Pandemie angenommen haben. Das ist meine große Enttäuschung, dass die gesellschaftlichen Prozesse der Pandemie künstlerisch kaum aufgegriffen wurden. Die meisten machen so weiter wie vorher. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass das noch viel mehr durchdrungen wird. Wir brauchen eine künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Themen. Aber das findet erstaunlicherweise nicht statt. Fast als würden die Künstler:innen die Auseinandersetzung mit diesen Themen meiden.

CAROLA UNSER: Aber dann müsste man vielleicht erstmal klären, was sind denn die Themen der Pandemie? Was sind die Themen, die durch die Pandemie verschärft wurden oder noch mehr aufs Tapet kamen?

Bei uns wäre das zum Beispiel das Thema NSU, das wurde bei uns in Hessen jetzt sehr viel stärker angegangen. Aber dieses Thema schwelte ohnehin schon. Was wären sonst noch Themen?

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Themen wie Freiheit, Identifikation, Zugehörigkeit. Diese ganzen Spaltungsthemen. Individualität versus Sozialität. Wenn wir sagen, wir machen im Theater Diskursräume auf, gesellschaftliche Diskursräume, dann finden die mir im Moment zu wenig statt.

EVA LANGE: Ich würde das ein bisschen anders sehen. Gerade in Bezug auf neue Texte.

Wir hatten eine Uraufführung von Anah Filou geplant. Dann kam die Pandemie, und die Autorin hat weitergeschrieben im Austausch mit dem Team über Dinge, die während der Proben besonders wichtig waren. Zum Beispiel diese ganze Machtproblematik im deutschen Stadttheatersystem. Anah Filou hat dieses Machtthema in einem Monolog, den es vorher nicht gab, ins Stück integriert. Es war ein neuer Text, ein neuer Beitrag zum Thema, aber sozusagen mit in einer künstlerischen Drehung.

Wir haben auch Aufträge an Autor:innen erteilt während der Pandemie. Wir hatten zum Beispiel ein literarisches Telefon, bei dem wir explizit nur neue Dramatik präsentiert haben, extra für dieses Telefon geschriebene neue Texte. Das hätten wir ohne die Pandemie nicht gemacht.

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Aber wurden da tatsächlich auch andere Inhalte verhandelt als vorher?

EVA LANGE: Ja, ich hatte schon den Eindruck. Weil wir explizit gesagt haben, sie sollen vom Hier und Jetzt ausgehen. Themen wie Vereinsamung, Alleinsein waren zum Beispiel schon stark drin.

HARALD WOLFF: Die politische Reaktion auf die Pandemie war ja vor allem, dass irrsinnig viel Geld losgeeist wurde. Zu einem einzigen Zweck, nämlich den Status Quo zu erhalten. Es gab gar keinen inhaltlichen Gestaltungswillen. Das ist fatal, denn jetzt kommen die Kürzungen, auch wieder ohne inhaltliche Verständigungen. Das viele Geld wurde eben nicht genutzt, um die zukünftigen Strukturen zu schaffen, die wir brauchen werden, Stichwort Klimawandel. Da gab es keinerlei Proteste. Aber jetzt, wo das Geld umgewidmet werden soll zur Zukunftsgestaltung, wird die Regierung vors Verfassungsgericht gezerrt. Was sagt das über uns als Gesellschaft?

Und ähnlich war das in der Kunst. Und ich meine das jetzt strukturell, nicht in Bezug auf ein spezifisches Haus. Wir verschieben einfach, was wir vorhaben und machen es dann später? Weiter wie bisher kann eigentlich keine Antwort sein, aber natürlich – niemand hat im März 2020 Antworten gehabt. Die gewaltige Veränderung in der Gesellschaft, die das bedeutet, wird uns künstlerisch noch über Jahre beschäftigen. Ich glaube, es wird dauern, bis es da Antworten gibt, das kommt erst mit einer großen Zeitverzögerung.

Auch wenn die Spielplangestaltung oft langfristig ist, Lücken im Spielplan gibt es ja doch immer wieder. Plant ihr da in Zukunft Projekte, die ohne die Pandemie nie denkbar gewesen wären? Gibt es neue Impulse?

CAROLA UNSER: Auf jeden Fall. Es gibt Themen, an denen kommt man jetzt nicht mehr vorbei, als hätte eine Zeitenwende im Theater stattgefunden. Es wird ja auch immer vom Brennglas der Pandemie gesprochen. Ob das jetzt rassismuskritische Haltung ist, ob das die anti-sexistischen Debatten sind, ob es die Machtdiskussionen sind. Und das macht eben auch etwas mit den Stoffen.

Und vielleicht ist es manchmal auch ganz gut, dass man einfach mal sucht. Was es denn gerade ist, was wir hier auf unseren Brettern verhandeln wollen und wie. Ich hätte die Hoffnung, dass wir in der Pandemie gelernt haben, dass wir nicht immer nur schnell sein müssen.

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Im freien Bereich geht es uns da im Moment komplett anders. Zuerst waren da ganz viele Existenzängste, wo natürlich kein Raum blieb, über Künstlerisches oder Inhalte nachzudenken. Und dann kam das Füllhorn der Projektförderung der Bundesregierung über die Freie Szene, und alle sind wie wahnsinnig am Arbeiten. Ich habe vorhin mal durchgezählt, im Lichthof Theater haben wir 28 Premieren in dieser Spielzeit. Das ist wirklich ein Wahnsinn. Wir haben jede Woche eine neue Premiere. Da wird durchlauferhitzerartig produziert.

Es wird 2023 einen großen Absturz geben im freien Bereich, weil die ganzen Töpfe zugehen werden. Davor fürchte ich mich jetzt schon. Vielleicht bleibt dann die Möglichkeit zu reflektieren?

HARALD WOLFF: Der ganze Bereich der Digitalität hat sich strukturell anders verankert. In Erlangen, Augsburg, Mannheim, Köln und Nürnberg etwa sind ganz neue Sparten entstanden. Und auch wir planen in den nächsten Jahren das Schaffen von Strukturen mit gewaltigen Mitteln im sechsstelligen Bereich – mal sehen, was die Kürzungen davon noch übrig lassen. Und ganz konkret: Theaterabende, die live gleichzeitig in Lomé in Togo und München stattfinden – das gab es vorher nicht. Und unser Artist in Residence, Luis Krawen, plant einen abendfüllenden 3D-animierten Film nach einem Science-Fiction-Roman, als Vorstellung, im Theatersaal. Ich bin nicht sicher, ob das ohne die Erfahrungen der letzen 2 Jahre möglich gewesen wäre. 

Was bedeutet die Pandemie im Hinblick auf die Publikumszusammensetzung? Bringt uns die Zukunft vielleicht eher einen Fokus auf ein regionales, lokales Publikum? Auch aus Gründen der Nachhaltigkeit? Oder ist die Sehnsucht nach globaler Interaktion einfach sehr, sehr groß?

CAROLA UNSER: Ich merke, dass ich durch die Pandemie jetzt bei jedem analogen Theaterabend denke, wie krass, dass wir zusammen in diesem Raum sind. Bei Gastspielen, die sehr rar geworden sind, denke ich, Wahnsinn, es gibt sie noch. Ich merke da eine große Demut, eine große Wertschätzung gegenüber dem, was einst ganz normal war.

Und gleichzeitig würde ich zustimmen, diese Möglichkeit, mit der ganzen Welt zu kommunizieren, macht es leichter. Ich habe eine unglaubliche Sehnsucht nach großer weiter Welt und nach Über-den-Tellerrand-Schauen, weil ich denke, dass wir in der Pandemie schon sehr auf unsere kleine BRD fokussiert waren. Wir müssen endlich begreifen, dass wir nicht nur im wirtschaftlichen Sinne globalisiert sind, sondern dahin müssen, uns auch als Weltgemeinschaft zu verstehen.

Und in Bezug aufs Publikum: Was ist unser Publikum? Natürlich gibt es da einen Publikumsstamm. Aber worunter wir total gelitten haben, ist, dass die Schulen einfach wegblieben und dass da eine ganz rigide Politik gefahren wurde.

Deswegen: Im besten Falle beides. Transnationale Kooperationen in der hessischen Fläche. Sowas fände ich super.

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Bei uns gibt es vor allem thematisch orientierte, beziehungsweise an Produzierende oder Produktionen angebundene Publika, aber nicht das eine Publikum. Insofern kann ich gar nicht lokal denken, sondern nur themenbezogen. Da haben uns tatsächlich Streams geholfen, die haben neue Welten aufgemacht. Wir haben Veranstaltungen im Lichthof Lab gehabt, bei denen nur noch 30% aus Hamburg kamen. Wir haben Tickets verkauft zwischen Kanada und Taiwan, je nachdem, um was es thematisch ging. Das sind natürlich enorme Möglichkeiten. Da passiert etwas ganz Seltsames, wo nicht mehr die Größe einer Institution ausschlaggebend ist für ihre Relevanz, sondern die Relevanz der Themen.

HARALD WOLFF: Ich würde auch sagen, internationale Kooperation war noch nie so einfach – und so günstig! - wie jetzt mit den neuen Kulturtechniken, die wir gelernt haben, und daraus werden auch neue Dinge erwachsen.

Was die Frage der Nachhaltigkeit angeht: Auf künstlerischen Austausch über nationale Grenzen hinweg zu verzichten wäre katastrophal. Gesellschaftlich wird es darauf ankommen, die Qualität von Begegnungen zum Maßstab zu machen. Wir werden Werturteile fällen müssen, wofür wir CO2 aufwenden wollen.

Würdet ihr zum Abschluss vielleicht noch eine Bitte oder einen Wunsch an die Autor:innen und Übersetzer:innen formulieren wollen?

MATTHIAS SCHULZE-KRAFT: Ich würde mir wünschen, dass die Autor:innen über eine Veränderung in ihrem Berufsfeld nachdenken, wenn sie mit der freien Szene kooperieren wollen. Denn gleichzeitig sehe ich da einen unglaublichen Bedarf an guten Texten in freien Projekten. Vieles entsteht auf den Proben oder im Rechercheprozess, bei Interviews. Ich würde mir manchmal wünschen, dass wir da Autor:innen hinzuziehen. Aber es würde eben auch ein anderes Verständnis des Berufes der Autor:in erfordern. Eine Person, die mehr auf den Proben ist und eher ad hoc Text produziert als in langen einsamen Arbeitsphasen.

HARALD WOLFF: Die Pandemie zeigt sehr klar Bruchlinien auf. Auch in Bezug darauf, wie prekär Autor:innenschaft im Theater ist. Ich glaube, wir brauchen prinzipiell ein neues Verhältnis vom Theater zu Autor:innen.

Spielen vor nur 25% Zuschauer:innen bedeutet für Autor:innen eine finanzielle Katastrophe. Das Tolle daran ist eigentlich: Man kann endlich Gegenwartsdramatik ohne jedes Risiko machen. Sonst argumentieren ja manche, dass da nicht genug Leute kommen, aber das ist bei einer Auslastung von 25 % auch schon wurscht. Wir könnten ohne jedes Risiko so innovativ sein wie nie zuvor. Aber dieses Zeitfenster schließt sich bereits wieder, und das ist nicht in dem Maße genutzt worden, wie es, sagen wir mal, ästhetisch wünschenswert gewesen wäre. Oder notwendig.

Ich glaube auch, dass kollaboratives Arbeiten die neue Form ist und dass da immer mehr Autor:innen reintauchen. Ich glaube aber trotzdem, dass es auch starke solitäre literarische Stimmen braucht.

CAROLA UNSER: Ich denke vor allem, wir sollten nicht die verschiedenen Berufsgruppen gegeneinander ausspielen, sondern überlegen, welche Kollaborationen können wir schließen, um einer Gesellschaft zu sagen, hey, uns gibt es, und zwar geschlossen. Welche Strukturen können wir schaffen, damit Menschen ihre Arbeit tun und auch davon leben können. Das wäre ein Wunsch von mir.

Und vielleicht ist es auch ein Weg, da neue Strukturen zu schaffen. Wir haben noch vor der Pandemie die erste Stadtschreiberin Marburgs installiert. Wenn jede Stadt eine Stadtschreiberin hätte, hätten wir schon ganz schön viele Autor:innen in Lohn und Brot. Für eine gewisse Zeit. Und gut für eine Stadt ist es auf jeden Fall auch.

EVA LANGE: Und bleibt bitte trotzdem immer Zumutung. Ich finde es immer noch einen starken Moment, wenn da ein Text kommt, an dem wir uns die Zähne ausbeißen, der uns zu Neuem treibt.

Ich fand auch diese Frage in der „Deutschen Bühne“ sehr spannend, die Frage nach dem Well-Made-Play. Was könnte das heute sein? Weil es sicherlich eine Sehnsucht von bestimmten Zuschauer:innen gibt nach so etwas wie einer Geschichte und Geschichten. Genauso hat man aber auch Zuschauer:innen, die einfach ein Experiment wollen und zwar ein maximales Experiment und umso experimenteller, umso genialer. Und auch mitgehen bei Sprachkunstwerken aller Art.

Insofern, seid frei!

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