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Theater + Text

Wettbewerbe, Festivals + Netzwerke

von Ulrike Syha

Im deutschsprachigen Raum gibt es eine Vielzahl an Festivals und Wettbewerben, dazu diverse Veranstaltungsreihen, Schreibwerkstätten, Netzwerke und Plattformen anderer Art. Für was genau stehen sie? Welche Theatertexte kann man wo finden, bei welcher Gelegenheit sich am besten mit anderen vernetzen?  

Wettbewerbe + Preise

Eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum ist nach wie vor der Mülheimer Dramatikpreis, seit einigen Jahren ergänzt durch den KinderStückePreis, bei dem Texte für ein junges Publikum ausgezeichnet werden. Die jeweiligen Jurys sichten neue Texte und die dazugehörigen Aufführungen und laden die herausragenden Stücke der Saison nach Mülheim ein, wobei hier – anders als zum Beispiel beim Berliner Theatertreffen – der Fokus auf dem Text selbst liegt, nicht auf der Regie-Interpretation. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Jury-Debatte grundsätzlich öffentlich stattfindet. 

Da man den Mülheimer Dramatikpreis mehrfach erhalten kann, finden sich viele etablierte Autor:innen unter den Preisträger:innen, immer wieder aber auch Newcomer:innen und Texte, die den Begriff der Autor:innenschaft neu interpretieren.

Es gibt allerdings auch eine Reihe anderer renommierter Preise.

Hierzu gehört u.a. der Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts, bei dem auch noch der Internationale Autor:innen-Preis (es gibt bei jeder Ausgabe des Festivals ein anderes internationales Gastland, aus dem Wettbewerbsbeiträge und Gastspiele kommen), sowie der Jugendstückepreis, der Nachspielpreis, der Publikumspreis und neuerdings auch der SWR Hörspielpreis ausgezeichnet werden. Jenseits des Wettbewerbs selbst mit seinen Szenischen Lesungen bietet der Heidelberger Stückemarkt ein breites Spektrum an Gastspielen und anderen Veranstaltungen und ist immer auch eine Art Branchentreff für die deutschsprachigen Theatermacher:innen.

Dasselbe gilt für die Autor:innentheatertage am Deutschen Theater Berlin, bei denen im Rahmen der Langen Nacht der Autor:innen drei ausgewählte Texte durch das Deutsche Theater selbst bzw. koproduzierende Theater zur Uraufführung gebracht werden. Das Angebot des Festivals wird stetig erweitert, besonders für die geplante Jubiläumsausgabe 2022. Das Programm umfasst u.a. Leseparcours, Gesprächsrunden und den Festivalfokus Radar Ost.

Großen Einfluss hat auch der – vor allem in den letzten Jahren stark international und performativ ausgerichtete – Berliner Stückemarkt, der Teil des weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannten Berliner Theatertreffens ist.

Eine besondere Bedeutung hat außerdem die Nachwuchsförderung.

Es gibt eine ganze Reihe von relevanten Wettbewerben im deutschsprachigen Raum, die darauf abzielen, neue Stimmen und Stoffe zu finden. Stellvertretend seien hier der seit vielen Jahren gemeinsam mit der Dramaturgischen Gesellschaft jährlich in Frankfurt / Oder vergebene Kleist-Förderpreis, der Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik und der Osnabrücker Dramatiker:innen Preis genannt.

In Österreich wird u.a. der Retzhofer Dramapreis verliehen, der sich selbst als „Nachwuchspreis für szenisches Schreiben“ definiert, und das vom Schauspielhaus Wien ausgeschriebene Hans-Gratzer-Stipendium.

Im Bereich Kinder- und Jugendtheater (KJT), heute meist als Theater für junges Publikum bezeichnet, gibt es ebenfalls renommierte Förderformate, z.B. das Stipendien-Programm Nah dran! Neue Stücke für Kindertheater (Deutscher Literaturfonds / KJTZ) oder den Niederländisch-deutschen Autorenpreis für Kinder- und Jugendtheater, Kaas & Kappes.

Thematisch ausgerichtete Wettbewerbe sind im deutschsprachigen Raum eher selten. Zu nennen wären hier zum Beispiel der Dramenwettbewerb Science & Theatre (Heilbronn), der eine internationale Ausrichtung hat und explizit nach Stücken sucht, in denen Wissenschaft thematisiert wird. Seit der Pandemie kommen auch Ausschreibungen hinzu, die auf Textproduktion für digitales Theater abzielen, z.B. die Digital-Dramatik-Stipendien am Nationaltheater Mannheim (NTM). Beim Dramatiker:innenpreis der Wiener Wortstätten wiederum wird nach Stücken gesucht, die sich „im weitesten Sinne mit den Themen Identität, Integration, Interkulturalität und dem Leben zwischen Kulturen“ auseinandersetzen.

Generelle Informationen zu Ausschreibungen und Wettbewerben im Literaturbereich lassen sich auf Seiten wie „Literaturport“ oder „Autorenwelt“ finden.

Festivals

Da manche Festivals gleichzeitig auch Dramen-Wettbewerbe sind, kommt es hier zu einigen Überschneidungen.

So sind die Mülheimer Theatertage, die Autor:innentheatertage am Deutschen Theater Berlin, der Berliner Stückemarkt (der Teil des renommierten Berliner Theatertreffens ist) und der Heidelberger Stückemarkt auch Festivals (oder Bestandteile von Festivals) mit einem reichhaltigen Angebot an Gastspielen und Begleitprogrammen.

Sie dienen, wie alle Festivals, unter anderem der brancheninternen Vernetzung.

Besonders zu nennen sind in diesem Zusammenhang Angebote für spezifische Berufsgruppen, wie zum Beispiel „Theaterübersetzen. Internationale Werkstatt Mülheim“ (Übersetzer:innen aus dem Deutschen), das Internationale Forum beim Berliner Theatertreffen (Junge internationale Theaterkünstler:innen) und das Stipendienprogramm des Heidelberger Stückemarkts (Studierende und Berufseinsteiger:innen).

Weitere Festivals, die einen starken Fokus auf Texte und deren Autor:innen setzen, sind das internationale FIND-Festival an der Schaubühne in Berlin und das Dramatiker:innen-Festival Graz, das jedes Jahr erneut mit einem beachtlichen Festivalprogramm aufwartet, von Gastspielen über Lesungen und Installationen zu Spaziergängen im Stadtraum.

Im Bereich Theater für junges Publikum hat besonders das alle zwei Jahre in Berlin stattfindende Festival Augenblick mal! einen prägenden Status. 

Einen besonderen Blick auf bestimmte Sprach- oder Kulturräume und damit auf Stücke in Übersetzung werfen u.a. das frankophone Festival Primeurs in Saarbrücken, bei dem auch Preise für Texte und Übersetzungen vergeben werden, das iberoamerikanische Adelante-Festival in Heidelberg oder das Festival africologne in Köln. 

Daneben gibt es zahlreiche Festivals und Festspiele, bei denen neue Theatertexte eine Rolle spielen, deren eigentlicher Fokus aber mehr auf den Produktionen oder Inszenierungen liegt.

Hier sind u.a. die Internationalen Schillertage in Mannheim zu nennen, die alle zwei Jahre stattfinden und bei denen Aufführungen gezeigt werden, die sich im weiteren Sinne mit dem Werk Schillers oder Themen daraus beschäftigen; Theater der Welt, ein immer in anderen Städten stattfindendes, internationales Theaterfestival von weltweiter Bedeutung; das Kunstfest Weimar mit seinem spartenübergreifenden Programm und vielen Eigenproduktionen; die Ruhrfestspiele in Recklinghausen, das älteste Theaterfestival in Europa überhaupt; das Festival Theaterformen, das abwechselnd in Braunschweig und Hannover stattfindet; das Impulse Theater Festival (Düsseldorf, Köln, Mülheim an der Ruhr), das einen starken Schwerpunkt auf die freie Szene setzt; und der Steirische Herbst, der neben Theater und Performance auch andere Kunstsparten umfasst.

Seit einigen Jahren finden in Hamburg außerdem die Privattheatertage statt, ein Festival der privat finanzierten Theater, die bei den anderen Festivals vergleichsweise selten Berücksichtigung finden. Bei den Privattheatertagen werden in mehreren Kategorien die besten Produktionen des Jahres ausgezeichnet.

Davon abgesehen gibt es eine Vielzahl kleinerer, regionaler oder nur einmalig stattfindender Festivals, die hier nicht alle genannt werden können, die aber nicht minder wichtig sind für die Weiterentwicklung der Theaterszene im deutschsprachigen Raum.

Netzwerke + Verbände

Die Theaterautor:innen und -übersetzer:innen im deutschsprachigen Raum sind in unterschiedlichen Netzwerken und Verbänden organisiert, von denen sich einige sehr spezifisch an diese Berufsgruppen richten, andere allen Theatermacher:innen offenstehen.

Schon vor, aber gerade auch während der Pandemie ist der Ruf nach Vernetzung, Meinungsaustausch und gegenseitiger Solidarität immer lauter geworden. Ein Trend, der anhält.

Verbände im eigentlichen Sinne sind der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in verdi (VS), der Verband deutscher Übersetzer:innen  (VdÜ) und der erst 2020 neu gegründete Verband der Theaterautor:innen (VTheA), der im gesamten deutschsprachigen Raum aktiv ist, mit dem Mini-Festival "Dramen der Gegenwart“ auch eine eigene Veranstaltungsreihe gestartet hat und im weiteren Sinne der „Förderung des Theatertexts und seiner Autor:innen dient“. 

Alle Verbände vertreten jeweils die besonderen Interessen ihrer spezifischen Berufsgruppen, wobei der VS und der VdÜ deutlich weiter gefasst sind und nicht nur Autor:innen und Übersetzer:innen im Theaterbereich ansprechen.

Das gerade in den letzten Jahren sehr aktive ensemble-netzwerk hinterfragt den Status Quo an den Theatern und richtet sein Augenmerk auf Themen wie Diversität, Geschlechtergerechtigkeit und neue Formen der Zusammenarbeit. Es ist inzwischen in zahlreiche Untergruppen gegliedert, wie das regie-netzwerk (agiert inzwischen als eigenständiger Verein), das dramaturgie-netzwerk und das ebenfalls noch recht junge theaterautor:innen-netzwerk, das „sich für neue Arbeitsweisen und ein gemeinsam gedachtes Theater der Zukunft einsetzen möchte“.

Außerdem gibt es regionale Zusammenschlüsse wie das Netzwerk Münchner Theatertexter:innen, die auch Veranstaltungen oder Workshops für ihre Mitglieder organisieren.

Andere Gewerkschaften im Theaterbereich, zum Beispiel die sich gerade neu aufstellende GDBA (Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger), in der durchaus auch Soloselbständige und Künstler:innen aus der freien Szene organisiert sind, stehen Theaterautor:innen generell offen, auch wenn sie nicht nur deren spezifische Interessen vertreten.  

Der Bundesverband Freie Darstellende Künste wiederum repräsentiert rund 25.000 Mitglieder aus der freien Theater- und Tanzszene.

Im Bereich der Theaterübersetzung ist vor allem Drama Panorama e.V. zu nennen, ein in Berlin gegründetes „offenes Forum für internationale Theaterübersetzer:innen und andere Theaterschaffende“, das Veranstaltungen organisiert, einen Blog betreibt, eine eigene Buchreihe herausgibt und als genereller Motor der Vernetzung von Theaterübersetzer:innen eine wichtige Rolle spielt.

Das europaweite Netzwerk Eurodram wählt mit seinen an Sprachen orientierten Lesekomitees jedes Jahr drei Stücke aus Europa und den angrenzenden Kulturregionen aus, wobei es sich alternierend um Texte in der Originalsprache bzw. um Texte in Übersetzung handelt, die zur Inszenierung bzw. Übersetzung empfohlen werden. Einige der Eurodram-Komitees organisieren auch Lesungen der ausgewählten Texte, so auch das Deutschsprachige Komitee (Eurodram), das außerdem noch einen Blog betreibt.

Sehr aktiv ist auch die Dramaturgische Gesellschaft (DG), die große Jahreskonferenzen mit thematischen Schwerpunkten organisiert – im Zuge der Pandemie war dies eine eingehende Beschäftigung mit den Möglichkeiten und Erfordernissen digitaler Theaterformen.

Hinzu kommen internationale Organisationen mit ihren deutschsprachigen Zweigstellen, wie das ITI Germany (Internationales Theaterinstitut) bzw. ITI Österreich und ITI Schweiz, sowie die PEN-Zentren der jeweiligen Länder.

In Österreich vertreten die IG Autorinnen Autoren, die IG Übersetzerinnen Übersetzer und die IG Freie Theaterarbeit seit den 1980er-Jahren die jeweiligen gemeinsamen beruflichen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturpolitischen Anliegen. Theaterautor:innen bzw. deren Theatertexte sind für alle drei Interessengemeinschaften kein Schwerpunkt, sie sind dennoch empfehlenswerte Anlaufstellen für Beratung, Unterstützung und Information.

In der Schweiz bieten gewerkschaftlichen Rückhalt betreffend Richtgagen, sozialer Sicherheit und ähnlicher Anliegen die Berufsverbände Theaterschaffen Schweiz, der die Interessen der freien Theaterschaffenden vertritt, und A*dS, der sich als Autor:innenverband für die Belange von Schreibenden aller Gattungen stark macht.

Ausbildung + Weiterbildung

Im universitären Bereich gibt es einige wenige, aber sehr profilierte Studiengänge, die Schreibende für das Theater ausbilden.

Dazu zählt unbedingt der Studiengang „Szenisches Schreiben“ an der UdK Berlin, innerhalb Deutschlands ein Unikat in dieser Ausrichtung, aber sicher auch das Deutsche Literatur Institut Leipzig, auch wenn die Ausbildung dort breiter gefächert ist und oft eher einen Schwerpunkt auf Prosa oder Lyrik setzt.

Aus den Studiengängen „Angewandte Theaterwissenschaft“ in Gießen und „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim kommen viele Impulse besonders für die freie Szene, einige wichtige Gruppen und Kollektive formieren sich dort bereits während des Studiums. Es gibt aber auch Absolvent:innen beider Studiengänge, die heute im Stadttheaterbereich arbeiten.

In Österreich spielen vor allem der Studiengang „Sprachkunst“ an der Universität für angewandte Kunst Wien sowie das Programm uniT Graz eine große Rolle. Der viersemestrige Schwerpunkt Drama Forum innerhalb von uniT soll die „Produktion zeitgenössischer, dramatischer Texte“ fördern, es werden dabei Workshops und Einzelmentoring angeboten.

In der Schweiz gibt es am Schweizerischen Literaturinstitut das Angebot für eine umfassende Ausbildung im Bereich des Kreativen Schreibens.

Darüber hinaus bietet der Dramenprozessor seit 2001 ein Werkjahr für Dramatiker:innen an, innerhalb dessen Schreibende von Fachleuten während eines Jahres im Schreibprozess begleitet werden.

Das Stück Labor Basel wiederum ist ein Förderprogramm, das 2008 vom Theater Basel initiiert wurde. Es ermöglicht ausgewählten Autor:innen jeweils eine Spielzeit lang an einem kooperierenden Theater als Hausautorin tätig zu sein, manche Jahrgänge überwinden außerdem die regionalen Sprachgrenzen. Die Zusammenarbeit schließt nicht nur den inhaltlichen Austausch am jeweiligen Haus ein, sondern auch einen Schreibauftrag für einen Theatertext, der in der Folgespielzeit uraufgeführt wird. 

Im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es eine Vielzahl von Textwerkstätten jenseits der universitären Ausbildung.

Dies ist wichtig, denn nicht alle Autor:innen können oder wollen ihre Schreibkarriere schon während des Studiums beginnen. Manche suchen auch ergänzendes Mentoring.

Wenn man dann nicht selbst aus einem Theaterberuf kommt, ist besonders die Vernetzung mit anderen Theaterschaffenden und Verlagen wichtig, aber auch der Austausch untereinander, die Weiterentwicklung der eigenen Texte und ein erster Kontakt mit dem Publikum.

Programme, die dies möglich machen, sind zahlreich, stellvertretend seien hier die Wiener Wortstätten genannt, die Summer School Südtirol oder das NIDS.

Auch einige oben beschriebene Verbände, Netzwerke und Vereine bieten Formate an, in denen interessierte Autor:innen an ihren Texten arbeiten können, und auch immer wieder einzelne Theater in Werkstattformaten.

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