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Genrespezifik

Genrespezifische Anforderungen

von Julia Cramer

Je nachdem, welchem Genre eine Inszenierung zuzuordnen ist, prägen sich die allgemeinen Besonderheiten des gebärdensprachlichen Bühnendolmetschens unterschiedlich stark aus. Ein wichtiger Aspekt ist dabei: Anders als die fremdsprachliche Übersetzung wird die Übertragung in die Gebärdensprache meist in ein bereits fertig inszeniertes Werk eingepasst. Die Dolmetschenden sind daher gehalten, eine sprachliche und künstlerische Umsetzung zu finden, die dem gebärdensprachlichen Publikum entspricht, gleichzeitig aber den schon festgelegten Charakter und Rhythmus des lautsprachlichen Textes aufrechterhält und so von hörendem Publikum und Darstellenden nicht als Fremdkörper empfunden wird. 

Kommunikation in der Gebärdensprache - einer Sprache der Nähe – berücksichtigt normalerweise Gesprächsteilnehmende, Ort und Situation. Das Etablieren dieser gemeinsamen kommunikativen Basis ist im Theater nur sehr eingeschränkt möglich. Trotzdem kann es notwendig sein, eine Inszenierung in verschiedenen Durchläufen je nach erwarteter Zusammensetzung des Publikums unterschiedlich zu dolmetschen - beispielsweise, wenn dies einmal Jugendliche und an einem anderen Tag Erwachsene sind. 

Nutzt ein Stück sprachliche Elemente, für die es in der Gebärdensprache keine funktional äquivalente Entsprechung gibt, oder deren Nutzung den Text schwer verständlich machen würde, müssen Alternativen gefunden werden. Aus der Sprache klassischer Werke wird so zumeist zeitgenössische Gebärdensprache. Sprachliche Andersartigkeit, unterschiedliche kulturelle Wissensgrundlagen und Geschmäcker wirken aber auch besonders stark auf die Umsetzung von Komödie und Schwank ein. Varietäten wie Dialekte, Soziolekte und registertypische Ausdrucksweisen sind in der Deutschen Gebärdensprache oft weniger eindeutig von der Standardsprache abgegrenzt und haben so nicht dieselbe humoristische Wirkung. Stattdessen können sie in einer Verdolmetschung dazu führen, dass eine Aussage unverständlich wird. Aufgrund der häufig geringeren Vertrautheit mit typischer theaterbezogener Symbolik müssen in diesem Genre zudem an ein hörendes Publikum gerichtete Anspielungen in der Übertragung vergleichsweise häufig expliziert werden, sodass mehr Zeit benötigt wird, um bestimmte Aussagen zu treffen. Das kann schon innerhalb eines gedolmetschten Monologs herausfordernd sein, wird es aber umso mehr, wenn es um einen schnellen Wortwechsel zwischen zwei oder mehr Personen geht, die von unterschiedlichen Dolmetschenden verkörpert werden und sich miteinander abwechseln müssen. 

Lyrikund Poesie bringen weitere Herausforderungen mit sich. Hier müssen möglicherweise Interpretationen vorgenommen und Mehrdeutigkeiten aufgelöst werden. Mittel wie Lautmalerei und Reim entfallen in einer lautlosen Sprache. Im Prozess der Transkreation wird daher über die Translation hinausgehend eine freiere Form der Übertragung gewählt, die der gebärdensprachlichen Ästhetik entspricht. In Gebärdensprachen kann hier beispielsweise das „Visual Vernacular“ genutzt werden – eine sehr expressive visuelle Ausdrucksform, bei der sprachliche Elemente durch Körpersprache, Gesten und besonders starke Mimik ergänzt werden. 

Auch das Musiktheater bedingt kreative Lösungen. Stimmung und emotionale Wirkung des Liedes sollen erkennbar sein - oft ebenfalls mittels Visual Vernacular. Gleichzeitig  müssen Tempo und Rhythmus der Musik deutlich werden; typische Bewegungsmuster von  Stilrichtungen wie Rap- oder Heavy-Metal fließen ein. Zusätzlich zu der rhythmischen Grundbewegung werden noch konkrete Bewegungen der Akteure aufgegriffen: Dolmetschende, die sich nach rechts bewegen und die Hände senken, während der gedolmetschte Gospelchor sich nach links bewegt und die Hände hebt, würden störend wirken, wenn nicht gar unfreiwillig komisch. 

Trotz der im Sinne einer zeitlich und inhaltlich optimalen Abstimmung sehr detaillierten Vorbereitung auf die Verdolmetschung von Theaterstücken orientieren sich die Dolmetschenden letztlich immer an dem, was tatsächlich auf der Bühne geschieht. Somit stellen gerade auch Performances mit improvisierten Anteilen und das Improvisationstheater im Allgemeinen eine besondere Herausforderung für die Dolmetschenden dar, weil hier vieles nicht planbar ist. 

Im Kindertheater ist es das junge Publikum noch nicht gewohnt, darstellende und dolmetschende Personen als Einheit wahrzunehmen. Dolmetschende müssen daher die gedolmetschte Rolle noch klarer als sonst durch Körpersprache, Kostüme oder sprachliche Clues verkörpern. Besonders herausfordernd sind hier zudem Momente, in denen Referenzen im Text speziell die anwesenden Eltern ansprechen sollen, die Verdolmetschung dieser Referenzen aber das Verständnis des Gesamttextes für die eigentliche Zielgruppe erschweren würde. 

Je nach Genre sind in der Verdolmetschung im Theater also oft unterschiedliche Anpassungen notwendig. Dabei muss mitunter abgewogen werden, ob im Einzelfall das Übertragen der künstlerische Form oder die Gewährleistung des Textverständnisses im Vordergrund stehen muss. 

Julia Cramer ist Diplom-Gebärdensprachdolmetscherin und Hochschuldozentin. Sie lebt in Hamburg und Idstein bei Frankfurt am Main. Sie stand als Dolmetscherin bereits bei zahlreichen deutsch- und englischsprachigen Theaterstücken, Veranstaltungen, Konzerten und Performances unterschiedlichster Genres u.a. in Hamburg, Berlin, Wismar, Leipzig, Düsseldorf und Mainz auf der Bühne und liebt die Herausforderung, für jede Produktion die passende Umsetzung zu finden. Weitere wertvolle Tipps für den Einsatz von Gebärdensprachdolmetschenden auf der Bühne hat sie auch in Ihrem Artikel „Theaterdolmetschen 2.0 – Wie kann das Dolmetschen im kulturellen Bereich bestmöglich gestaltet werden?“ in der Fachzeitschrift DAS ZEICHEN veröffentlicht.
Julia Cramer ist unter info@juliacramer.de zu erreichen. 

 

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