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Aesthetics of access

Ästhetiken und Zugänge für Alle

von Nils Rottgardt und Lisette Reuter

Aesthetics of Access bezeichnet das Verfahren, Mittel der Barrierefreiheit, in der Doppelfunktion als ästhetische Bestandteile und als Zugänge für Publikum und Künstler:innen mit unterschiedlichen Behinderungsperspektiven zugleich, in ein Kunstwerk zu implementieren. Dieses offene Arbeitsverfahren, als politische, soziale und ästhetische Haltung der künstlerischen Praxis, ist ein in Deutschland nahezu unerforschtes Feld. Sie birgt das Potential Ästhetik, Möglichkeiten und Verständnis des theatralen Raums nachhaltig zu verändern.

Kunst und Kultur müssen, unabhängig von individuellen Behinderungen, für alle Menschen zugänglich sein. Bei der Förderung der menschlichen Entwicklung und der Verwirklichung der Menschenrechte spielen Kunst und Kultur eine zentrale Rolle. Das Recht auf kulturelle Teilhabe für alle wurde bereits 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgelegt und durch die UN-Behindertenrechtskonvention 2006 bekräftigt. Die Praxis zeigt jedoch, dass nicht jeder die Chance bekommt, Kultur zu erleben, daran teilzuhaben oder sie zu gestalten. Aesthetics of Access nimmt die Gleichberechtigung der Wahrnehmungsmöglichkeiten von Menschen mit und ohne Behinderung in der Kunstproduktion und -rezeption zum Ausgangspunkt für ein künstlerische Verfahren. 

Bisher wurde bei dem Vorhaben Kunstwerke einem Publikum mit Behinderungen zugänglich zu machen, oft in Kategorien von Übersetzung und dahingehend als Dopplung des Bühnengeschehens gedacht und gearbeitet. Barrierefreie Zugänglichkeit weniger als ästhetischer Teil und ästhetische Erweiterung der Möglichkeiten des Werkes gesehen: Das Kunstwerk ist vollendet und die Übertitelung wird über den Bühnenraum projiziert, Gebärdensprachdolmetscher:innen rechts oder links neben dem Bühnengeschehen platziert oder objektive Audiodeskriptionen des Bühnengeschehens für Menschen mit Seheinschränkungen, per Kopfhörer auf die Ohren übertragen. Diese Ansätze einer klassischen, eher technisch begriffenen Barrierefreiheit sind wichtig und machen an vielen Stellen Sinn, es wird dabei die ästhetische Dimension des Werkes jedoch oft vernachlässigt oder reduziert. 

Das Verfahren Aesthetics of Access bindet Mittel der Barrierefreiheit schon während der Konzeptfindung als eigenständige ästhetische Mittel in den Entwicklungsprozess des Werks ein. Beispielweise ist Gebärdensprache auf der Bühne so keine bloße Übersetzung des schon Vorhandenen, sondern wird zur Erweiterung der inhaltlichen und ästhetischen Bandbreite eines Kunstwerkes. Übertitelungen werden als ästhetische Mittel zu integralen Bestandteilen von Bühnenbildern und Szenografien, Audiodeskriptionen sind kreativ und künstlerisch gestaltet. Solche Elemente nehmen eine ästhetisch gleichberechtigte Position zu den klassischen Mitteln des Theaters (Text, Körper, Stimme, Licht, Bühnenbild, Kostüm etc.) ein und erweitern die Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht nur für Seh- und Höreingeschränkte.

Formale Ausgangsfragen für eine Produktion mit dem Verfahren Aesthetics of Access können sein: 

Wie kann Musik von einem tauben Publikum direkt wahrgenommen werden? 

Wie können Audiobeschreibungen schon im Bühnentext enthalten sein? 

Wie kann Poesie in Leichter Sprache geschrieben werden, ohne dass Dichte und Komplexität verloren gehen?

Wie kann eine Tanzperformance für ein Publikum mit Sehbehinderung zugänglich gemacht werde? 

Unser Zugang zur Welt beruht immer auf sinnlicher Wahrnehmung. Behinderungen können diesen Zugang auf unterschiedlichen Ebenen einschränken. Deswegen muss sich jede Produktion entscheiden für welche Behinderungsperspektive sie zugänglich sein möchte. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt und es gibt nicht die Checkliste oder die Anleitung. Formale Ansätze für künstlerische Strategien und Möglichkeiten für den Umgang mit diesen Fragen können sein:  

  • Integrierte (künstlerische) Audiodeskription
  • Integrierte Gebärdensprache durch gebärdende Künstler:innen im Bühnengeschehen 
  • Visual Vernacular: Eine visuelle, ausschließlich durch den Körper praktizierte Kunstform, die ihre Ausgangsbasis zwischen Gebärdensprache (aber ohne deren 3-dimensionale Grammatikstruktur) und Pantomime hat. 
  • Visualisierung oder Fühlbarkeit von Sound z.B. durch Projektionen, Vibrationen oder dem Einsatz von Objekten
  • Kreative Übertitel (Creative Captioning) als Teil von Bühnenbild oder Szenografie
  • Einsatz von Gerüchen 
  • Sound als Raumorganisation
  • Kostümbild: Haptik, Funktionen und Geräusche von Kostümen
  • Konzeptionelle Leitsysteme für Blinde bei installativen Arbeiten

Diese Beispiele stellen nur eine Auswahl dar. Die künstlerischen Möglichkeiten von Aesthetics of Access sind nahezu unbegrenzt sind. Jedes Kunstwerk hat sein eigenes Potenzial und erfordert individuelle Lösungen, um Zugänglichkeit und ästhetische Qualität miteinander zu verbinden.

Inklusion ist die Vision einer Gesellschaft der Zugänge: Die Idee von einer Gesellschaft ohne Barrieren und ohne strukturelle Macht. In einem großen Maße fußt strukturelle Macht in ihrem ausgrenzenden Charakter auf der Fokussierung auf  Körper: weibliche Körper, Körper mit anderen als weißen Hautfarben, Körper mit von der „Norm“ abweichenden sexuellen Orientierungen, Körper, die Schönheitsidealen nicht entsprechen, Körper mit seelischen „Abnormalitäten“, Körper mit Behinderungen, Körper mit sogenannten kognitiven Abweichungen. Ein Theater, das Mittel der Zugänge zum selbstverständlichen ästhetischen Repertoire macht, schafft mindestens zwei visionäre Räume: 1) Solch ein Theater schließt keine Menschen mehr von seiner Rezeption aus 2) Solch ein Theater probiert praktisch, was eine inklusive Gesellschaft sein kann, und schafft es die Gefahr zu unterlaufen ein dozierendes, besserwissendes Theater zu sein, weil es permanent gezwungen ist, sich an der konkreten Kategorie seines eigenen Zugangs zum Publikum, oder Künstler:innen mit von der Norm abweichenden Körpern, zu überprüfen.

Filme und Videos: 

  • Playlist von Disability Arts Online (Englische Sprache): The Aesthetics of Access. Eine Playlist mit einigen ausgewählten Beispielen von Aesthetics of Access.
  • Un-Label Info-Film: Aesthetic of Access: Dieses Video bietet eine einfache Einführung in das Konzept von Aesthetics of Access

Literatur: 

Fortbildungen und Netzwerke: 

Zum Thema Aesthetics of Access bietet Un-Label im Rahmen von Workshops und Kreativ Laboren Fortbildungen an und vermittelt zudem Expert:innen aus dem In- und Ausland für die Durchführung von Produktionsbegleitungen und Beratungen.

Kontakt und Infos: https://un-label.eu

 

Lisette Reuter arbeitet seit 2006 als Projektleiterin, Trainerin, Kuratorin und Beraterin im internationalen, Inklusiven Kunst- und Kulturbereich. Sie ist Gründerin, Geschäftsführerin und künstlerische Leitung der internationalen mixed-abled Performing Arts Company Un-Label, mit Sitz in Köln. Als Expertin für Inklusion berät und begleitet sie europaweit Kulturakteure und Organisationen im Bereich Barrierefreiheit und gleichberechtigter Partizipation. Lisette Reuter ist Ashoka Fellow. 

Nils Rottgardt entwirft und realisiert seit 2005 als Produzent und Künstler spartenübergreifen Kulturprojekte. Mit seiner Filmproduktionsfirma Leib+Seele Produktionen setze er zahlreiche Projekte für Auftraggeber der öffentlichen Hand, Stiftungen, Unternehmen der Sozialwirtschaft an der Schnittstelle von Kultur, Gesellschaft und Politik um. Seit 2016 spezialisiert sich Rottgardt zunehmend auf künstlerische Projekte an der Schnittstelle von Inklusion und Kultur. Seit 2020 leitet er das RoboLAB Festival und ist seit 2023 bei Un-Label für die künstlerische Leitung und strategische Entwicklung zuständig.

 

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