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Theater + Transfer

Exkurs #2: Individualisierte Zugänglichkeit

Neue Sichtweisen & Möglichkeiten 

von Anna Kasten + David Maß

Das Thema Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderung gewinnt endlich immer mehr Gewicht auch in den Darstellenden Künsten. In den letzten Jahren haben sich dabei verschiedene Optionen für die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse entwickelt. Aufgabe der Kunst sollte es sein, Brücken zu bauen, kulturelle Angebote sollten für alle Menschen regelmäßig verfüg- und erlebbar sein. Die Vision lautet also, dass es bei möglichst vielen Theater- und Opernproduktionen regelmäßig zu folgendem Szenario kommen kann: eine blinde Person sitzt neben einer schwerhörigen Person, die neben einer fremdsprachigen Person sitzt, die neben einer tauben Person sitzt, die neben einer Person mit Leseschwierigkeiten sitzt… und alle können dem Bühnengeschehen folgen.

Dabei stellt sich die Frage, ob es nicht möglich wäre, für jede:n einen persönlichen Kanal bereitzustellen, um damit bestmöglich auf die individuellen Bedürfnisse eingehen zu können. Klassische Übertitel, durch Videoprojektion oder auf LED-Screens, haben mittlerweile ja schon in fast allen großen Theatern und auf Festivals ihren Platz gefunden. Immer wieder gibt es aber auch künstlerische Anforderungen sowie architektonische bzw. infrastrukturelle Herausforderungen, die einer komplexeren technischen Umsetzung bedürfen. So können beispielsweise weitere Screens im Zuschauerraum installiert werden, damit die ersten Reihen gut lesen können, und teilweise müssen auch die oberen Ränge nochmal separat versorgt werden.Diese klassischen Übertitel, egal ob fremdsprachig oder deskriptiv, also inklusive der Beschreibungen von Geräuschen und den Rollennamen der Spieler: innen, sind für alle sichtbar, können aber nicht die Bedürfnisse aller erfüllen. Für alle sichtbar, können meist nur eine oder maximal zwei Sprachen angezeigt werden.

Als Erweiterung für Menschen mit Behinderung oder mit besonderen Bedürfnissen können zusätzliche Mobile Devices wie Smartphones, Tablets oder Datenbrillen zum Einsatz kommen, mit denen jede:r Zuschauer:in persönlich adressiert werden kann. Das kann außerdem interessant sein als Zusatzlösung für spezielle Bühnenbilder oder Zuschauersituationen, die beispielsweise bifrontal oder im öffentlichen Raum angeordnet sind und in denen eine klassische Projektion nicht möglich ist.
Die Smartphones oder Tablets laufen parallel zu den für alle projizierten Titel, nur dass dort kann jede:r Zuschauer:in individuell die passende Übertitelspur für sich wählt. Es können genauso weitere Sprachen angeboten werden, wie verschiedene Ebenen von deskriptiven Übertiteln. Taube Menschen benötigen mehr Information als schwerhörige Menschen, dazu kann auch eine Version in leichter Sprache vorbereitet werden. Zudem ist es möglich, eine Spur mit vorab aufgezeichneten Gebärdensprachvideos anzuzeigen. Auch Audiodeskription für blinde Menschen kann über diesen Kanal abgerufen werden.

Sinnvoll ist es, diese Angebote zu kombinieren und in das Gesamttheatererlebnis einzugliedern. Beispielsweise sollte die Wegeführung im und zum Theater für alle deutlich gekennzeichnet sein, ebenso wie es wichtig ist, dass geschultes Vorderhauspersonal mit tauben Menschen mindestens rudimentär kommunizieren und die essentiellen Fakten vermitteln kann. Auch das Angebot einer Bühnen- und Tastführung vor Beginn der Vorstellung ist für blinde Menschen sehr empfehlenswert und ergänzt das Angebot einer möglichst umfassenden und Zugänglichkeit. Eine weitere Möglichkeit neben der Nutzung von Tablets und Smartphones sind sogenannte Datenbrillen, in denen die jeweiligen Übertitel in 7-10m Entfernung angezeigt werden. Die Titel positionieren sich hier direkt in die Sichtlinie und bewegen sich parallel zu den Bewegungen des Kopfes und erscheinen so jeweils direkt an der Stelle auf der Bühne, zu der sich die Zuschauer:innen hinwenden. Gerade die Integration von vorab aufgezeichneten Videos mit der Übersetzung in Gebärdensprache ist sehr beeindruckend, da die Dolmetscher:innen wie Hologramme erscheinen und von den Zuschauer:innen individuell in Größe und Position einstellbar sind.Grundlegend und entscheidend ist bei allen Formen der Zugänglichkeit und dem Abbau von Schwellen im Theater und der Oper, dass die Zielgruppen aktiv eingebunden werden in die Ausarbeitung und Weiterentwicklung des Angebots und in den Häusern selbst ein Prozess angestoßen wird, der in einer Kultur mündet, bei der sich Jede:r willkommen fühlt.

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